Interview mit Hans Hermsen (vollständig)

Hier das Interview aus dem Heft in vollständiger Länge.

Interview geführt von Fabian Everding
Verschriftlichung: Alexander Heit

Was hältst Du für den wesentlichen Unterschied zwischen dem Notensystem am Oberstufenkolleg und an der Regelschule?
Der Unterschied ist, dass wir nicht so viele Noten vergeben, wie die Regelschule – jetzt geben wir aber immerhin 16 Noten, also sehr viel mehr gegenüber den wenigen Noten in der früheren Ausbildung am OS. Das ist aber nur ein formaler Unterschied. Ich glaube, dass der inhaltliche Unterschied der ist, dass wir bei unserer Notengebung offener sind für Diskussionen mit den Lernenden, die dann möglicherweise Einfluss nehmen können. Oft frage ich, ob der Lernende mit seiner Notenbewertung einverstanden ist, oder ob er meint, dass ich ihn unter- oder überbewertet habe. Auf diese Weise komme ich in einen Dialog und genau das ist das Entscheidende, dass wir in eine Beziehung treten können und darüber verhandeln.

Man kann aber nicht sagen, dass das alle Lehrenden so handhaben?
Darüber, wie es wirklich zurzeit abläuft, bekomme ich lediglich einen kleinen Einblick über Gerüchte oder durch meine zahlreichen Prüfungskolloquien und ab und zu mal von meinen Tutanden. Ich kann es im Moment ganz schwer einschätzen und hoffe einfach, dass diese dialogische Beziehung, wie wir sie im alten Modell gehabt haben, sich ins neue „hinüber rettet“. Ich gehe davon aus, dass die meisten Lehrenden bereit wären, über ihre Bewertung zu diskutieren, weil Noten meines Erachtens immer noch eine der ungerechtesten und problematischsten Dinge an Schulen sind.

Wenn wir hier vom Notensystem sprechen, dann meinen wir ja nicht nur die Noten, die als Voranmelde-Note ins Abi mit einfließen, sondern auch das, was am OS eigentlich meist mit “Punkten” bezeichnet wird. Die Bewertung also, die über das Bestehen eines Kurses entscheidet. Wenn Du die Pass / Fail Regelung als Teil unseres Notensystems siehst, welche Vorteile hat dann das Bewertungssystem am OS gegenüber dem der Regelschule?
Ich glaube und hoffe, dass die Noten am OS immer noch nicht so wichtig sind wie an der Regelschule, und dass sie von daher auch nicht so einen großen Einfluss auf das Verhalten der Lernenden haben. Allerdings erkenne ich mittlerweile schon eine Menge von Verhaltensweisen, die ich auch für die Regelschulen vermute, nämlich dass viele Leute am OS nur noch für gute Noten lernen, und für andere Sachen, wofür sie keine Noten bekommen, nur wenig machen, nur gerade mal das nötige Mindestmaß zum Bestehen. Viele Leute lernen nur noch, um schlechte Noten oder eine mangelnde Versetzung zu verhindern, oder auch um keine schlechte Rückmeldung von Lehrenden zu erhalten. Der Kampf um gute Noten führt dann letztenendes auch zu einer Konkurrenz unter KollegiatInnen. Das sehe ich alles mittlerweile. Es ist noch nicht so ausgeprägt wie an der Regelschule, doch ich glaube, dass die Tendenz dahin gehen wird. Je wichtiger bei uns die Noten werden, umso wichtiger wird es dann den Kollegiaten, gute Noten zu bekommen. Da ja auch der gesellschaftliche Einfluss um Numerus Claus und Stellen konkrrenzfördernd ist, unterstützt das Noten- und Punktesystem diese Tendenz. Dies verändert so ganz langsam die Persönlichkeit des einzelnen. Er hat weniger Interesse an der Unterstützung Schwächerer (potentieller Mitbewerber etc.) und sieht auch nicht ein, Rücksicht zu nehmen. Immerhin geht es ja auch um Zukunftschancen, Geld und Karriere. Deshalb ist eine dialogische Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden gut, in der wir sagen können, dass Noten oft sehr subjektiv sind, vor allem weil wir uns hier im Hause über Leistungskriterien bisher nicht geeinigt haben.

Es kann also passieren, daß ich in einem Fach nach härteren Kriterien bewertet werde, als in einem anderen Fach, weil die Lehrer sich nicht einig sind?
Das ist möglicherweise so, zumal wir keine wirklichen Kriterien entwickelt haben. Ich glaube, dass zurzeit jeder mit seinen eigenen Kriterien arbeitet, und vielleicht langsam so das Bewusstsein entsteht, dass man sich doch mal mit weiteren Kollegen verständigen sollte.
Und so hantiert jeder Kollege nach seinem eigenen Gutdünken, was ja das Problem bei der Notengebung ist. Wobei ich auch nicht denke, dass wir uns alle standardisieren müssen, ich finde, auch hier ist eine dialogische Beziehung unter den Lehrenden wichtig, weil ich auch Probleme mit der Standardisierung und Normierung habe. Ich finde eine Vielfalt an Kriterien notwendig, nur müssen sie auch offen ausgetragen werden. In einem solchen Moment gibt es einen Diskurs, an dem sich auch Lernende beteiligen können. Ich bemühe mich ja immer, meine Kriterien offen zu legen, aber ich habe auch das Gefühl, es kommt keine Diskussion mit den Lernenden zustande, außer, einer fühlt sich ungerecht behandelt – das, finde ich, ist aber kein guter Anlass.

Was würdest Du am Bewertungssystem verändern, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?
Zunächst würde ich eine Dekonstruierung dieser Notengebung entwickeln, und zwar sowohl unter den Lehrenden als auch mit den Lernenden. Ich habe schon beschrieben, wie ungerecht Noten für den Lernenden und wie schwierig Notengebungen für den Lehrenden sein können, wenn der Lernende nicht die Punktzahl erhält, für die er sich so bemüht hat, weil nach Ansicht des Lehrers, er dies und jenes noch mit eingebracht haben müsste, um die gewünschte Punktzahl zu erreichen.
Auch wenn es nicht mein Ziel ist, dass Kollegiaten sich ungerecht behandelt fühlen, bin ich nicht davor gefeit, in diesbezügliche Diskussionen zu geraten.
Man muss klarstellen, dass Notengebung so viele Dimensionen hat, die nicht bedacht werden, die man aber beachten muss, z.B. die verschiedenen Dimensionen, in denen Leistung erbracht werden, können. Für den einen kann es eine Routinetätigkeit sein, für den anderen aber eine unheimliche Problemlösefähigkeit. Letztendlich bekommt dann jeder die gleiche Note, obwohl ganz unterschiedliche Qualifikationen zugrunde liegen können. Und die müsste man aufzeigen können! Wenn ich etwas verändern würde, würde ich die Dinge, die wir im alten Modell entwickelt haben, mit einer ausführlichen Rückmeldung über die wirklichen Leistungen im kognitiven wie im emotionalen oder sozialen Bereich, mitzuwirken. Ich habe im alten Modell immer das Soziale, gerade in Gruppenarbeit, besonders hervorgehoben, und auch denjenigen eine gute Note gegeben, die leistungsmäßig nicht so gut waren, wenn ich gesehen habe, mit wie viel sozialer Energie diese Arbeit zustande gekommen ist. Weil es eben diese verschiedenen Dimensionen gibt!

Durch die Pass/Fail-Regelung ist es nicht möglich schlechte Leistungen in einem Kurs durch gute Leistungen in einem anderen Kurs auszugleichen. Statt dessen darf man in der Eingangsphase nur einen Kurs nicht bestehen, in der Hauptphase sind es dann zwei gefailte Kurse, die man sich erlauben darf. Ab dem dritten Fail-Kurs muß man dann erfolgreich eine Nachprüfung machen, oder man wird nicht zum Abitur zugelassen. Hast Du eine Idee, wie man diese Regelung entschärfen könnte, indem man z.B. Noten oder Punkte oder eine andere Möglichkeit des Ausgleichs einführt?
Erstmal finde ich die aktuelle Regelung ziemlich unsinnig, weil sie sogar schärfer ist als an den Regelschulen. Und ich finde, wir sollten mehr Möglichkeiten schaffen, die dafür sorgen, dass nicht so ein riesiger Druck auf einen Lernenden entsteht, z.B. dass Leute sich nicht mehr aufgrund des Drucks zur Schule schleppen, wenn sie sehr krank sind. Wir sollten eine Ausgleichsregelung schaffen, oder die aktuelle Regelung ganz abschaffen.

Denkst Du, es gibt in der aktuellen Situation mit der neuen Landesregierung überhaupt noch die Option, von Pass/Fail wegzukommen, ohne gleich auf Noten umzusteigen?
Es ist natürlich nahe liegend, das gewöhnliche Notensystem einfach zu übernehmen. Meine Intention wäre nach alternativen Leistungsbewertungen zu schauen, wobei ich mit dieser Landesregierung erhebliche Probleme sehe. Ich würde mich aber auch nicht selbst zensieren oder selbst entmächtigen, sondern weiterhin dafür plädieren, nach Alternativen zu schauen.

Ist das System des NeOS tendenziell näher am alten OS oder näher an der Regelschule?
Näher an der Regelschule!

Was war der Auslöser für den Wechsel vom alten OS zum NeOS?
Da sehe ich verschiedene Kräfte am Werk. Natürlich vor allem die Landesregierung, die das Modell nicht mehr tragen wollte, indem sie uns 20 Stellen genommen hat, was natürlich signalisiert, dass sie nicht mehr die Versuchsschule im alten Sinn haben wollte. Vielleicht hat sich die Landesregierung auch nicht getraut, uns ganz abzusägen, vielleicht machen sie das jetzt. Es sollen ja weitere Stellen gekürzt werden, was jedoch noch nicht feststeht.

Dass das System geändert wurde, ging also von der Landesregierung aus. Wer hat den Kompromiss für das jetzige System geschlossen?
Es gab eine Kommission, die von uns gewählt wurde und die dann die Verhandlungen geführt hat.

Waren da auch Kollegiaten mit dabei?
Es waren Lehrende und Kollegiaten. Und die haben dann vieles ausgehandelt, haben vieles „schlucken müssen“. Manches haben sie versucht durchzusetzen, deswegen gibt es auch so eine Zwitterstellung, weil einiges gerettet wurde, anderes nicht. Gerettet sind die zwei Studienfächer, auf die man sich spezialisieren kann, was an der Regelschule nicht so ist. Aber es musste „geschluckt“ werden, dass Deutsch, Englisch und Mathematik zu Pflichtfächern wurden.

War das früher anders?
Man musste diese Fächer nicht als Fach studieren, sondern im Rahmen des fächerübergreifenden Unterrichts Kurse zu diesen Themen wählen und dafür einen Mathedispens im Abitur bekommen. Es gab zwar auch obligatorische Mathekurse, aber diese waren von einer anderen Natur und Qualität als heute, es gab nicht diesen unheimlichen Druck, wie es heute der Fall ist.

Das heißt, damals haben mehr Leute die Mathekurse bestanden?
Ja, eindeutig. Und viele die damals am alten OS waren, sagen heute würden sie das OS nicht mehr schaffen.

Besteht eigentlich die Möglichkeit nach der 11. am OS noch an eine Regelschule zu wechseln?
Da bin ich überfragt. Umgekehrt geht es, aber ob es so herum geht, weiß ich nicht.

Wer hatte sich das alte Notensystem ausgedacht? Hartmut von Hentig?
Ich habe in Erinnerung, kann mich aber auch irren, dass Hartmut von Hentig gar nicht unbedingt für das Pass/Fail-System war. Es hat 1974 eine ganz knappe Abstimmung gegeben, mit dem Ergebnis, dass wir erstmal keine Noten eingeführt haben. Es war eine Entscheidung der Aufbaukommission bzw. der Lehrenden, die am Anfang den ersten Jahrgang mit aufgenommen haben, und die dafür plädierten, Noten abzuschaffen. Ich habe noch in Erinnerung, dass es eine Kampfabstimmung war.

Die Kollis in der Kommission, waren das Leute vom KRat?
Teilweise, es waren sowohl welche vom KRat als auch welche, die von der Vollversammlung dafür ausgewählt wurden.

Wieviele Kollis waren das?
Zwei bis vier. An einen erinnere ich mich noch, weil ich nämlich ein wenig über ihn verärgert war. Er hat zu schnell nachgegeben, von einem Kollegiaten hätte ich mir gewünscht, daß er mehr dagegen argumentiert, und sich nicht von den Lehrenden suggerieren läßt, es sei nichts zu machen. Da bin ich eher anders, ich kann nicht so schnell nachgeben, lieber lasse ich mich überstimmen, anstatt dann zu sagen: „Na ja, man kann ja sowieso nichts machen.“ Wenn ich eine Position habe, versuche ich sie auch zu formulieren.

Zur Relation: Wie viele Lehrer waren in der Kommission?
Aus der Leitung waren zwei, und dann waren noch 2 gewählt worden. Ich glaube, diese Kommission bestand aus sechs bis acht Leuten.

Gibt es noch andere wichtige Punkte zum Thema Notengebung?
Ich denke, dass man bei der Notengebung einfach noch mal an die Wurzel rangehen muss. Ein Psychologe (Ingenkamp) hat in den 70er Jahren nachgewiesen, dass die Noten in den Schulen eine Spannbreite von 1-5 für die gleiche Leistung haben können. Von daher ist das eine sehr schwammige Bewertung. Zur Notengebung eine Diskussion zu entwickeln, fände ich wichtig, weil ich glaube, dass viele Kollegiaten darüber hinweghuschen. Manche Kollegiaten wünschen sich auch Noten. Die scheinen irgendwie ein Ausdruck für eine Rückmeldung zu sein. Und das würde ich gerne dekonstruieren, denn das ist ein Mythos. Man hat nur eine bestimmte Vorstellung über die Rückmeldung, man hat überhaupt keine Rückmeldung darüber, wo man jetzt gerade mit seinen Sinnesfähigkeiten ist, oder was bei einem an Fähigkeiten dominant ist, ob das mehr sprachlich oder mehr soziales Engagement usw. ist. Dass man das alles noch mal bedenkt, dann wird man nämlich sehen wie relativ eine Einschätzung der Noten ist, das würde das ganze noch mal bewusster machen. So wie momentan, kommt es mir sehr starr vor.

Vielen Dank für das Interview.