Kollima 1 im Netz

Hallo,

wer sich für die erste und inzwischen nicht mehr ganz aktuelle Ausgabe von “Kollima” interessiert, kann sich hier die erste Ausgabe als PDF-Dokument runterladen. Cover und Werbung fehlen in der Datei, sind aber sicher auch verzichtbar.

Kollima 1 vom Februar 2006


Über diese Seite

Wer öfter mal auf diese Seite schaut wird inzwischen festgestellt haben, dass sich hier schon seit längerem nichts mehr tut.

Leider ist die Redaktion des letzten Heftes personell inzwischen ein wenig auseinander geraten, was sicher zahlreiche Gründe hat.

Nachdem ein Mitarbeiter die ihm anvertraute Copy-Karte mit noch fast 500 Kopien verloren hat, gibt es auch keine Möglichkeit mehr eine Art “Express-Ausgabe” für umsonst auf DIN A4 herauszugeben, wie das zwischendurch mal angedacht gewesen war.

Mit nur einer Person die “in etwa” weiß wie man layoutet, wenigen Leuten die Lust haben neue Artikel zu schreiben und einem zunehmend stressigeren Schulalltag ist es schwierig an einer neuen richtigen Ausgabe zu arbeiten.

Eine Zeitschrift mit einer Lebensdauer von mehr als einer Ausgabe läßt sich nun leider nur bedingt realsieren, wenn das Team vorwiegend aus Leuten ohne Projekt besteht, die nach der Projektphase wieder abspringen oder aber aus Selbstdarstellern, die das Magazin für ihre Zwecke zu nutzen versuchen. Der Schreiber dieser Zeilen sei hierbei nicht ganz ausgeschlossen.

Eine bloße Online-Ausgabe zu machen erscheint auch wenig sinnvoll, da die meisten KollegiatInnen wohl weder in der Schule noch zu Hause die Zeit aufbringen würden sich dafür an den Rechner zu setzen.

Der Umstand, dass die erste Ausgabe von Kollima noch immer nicht restlos verkauft wurde, obwohl die Auflage bei über 600 Schülern am OS mit nur 250 Heften relativ bescheiden dimensioniert war, läßt auch keine Euphorie für weitere Anstrengungen aufkommen.

Daher sei vorerst endgültig verkündet:
Kollima ist tot, es lebe Kollima!

Ein interessanter Aspekt an diesem Internet-Auftritt ist sicherlich, dass der Name Kollima im Bielefelder “Schüler und Studenten”-Milieu mittlerweile weniger im Zusammenhang mit unserer Zeitschrift, als vielmehr in Verbindung mit den Studierendenprotesten gegen Studiengebühren bekannt geworden ist.
Der Umstand verdankt sich der ursprünglich mit der heißen Nadel gestrickten und nur als Provisorium gedachten “offiziellen” Seite des Bielefelder Protests unter http://besetzung.kollima.de.
Da es auch von Seiten der Uni hierbei wohl Unklarheiten über den Zusammenhang von “Bildungsrettern” und Schülerzeitung gibt, sei hiermit kurz gesagt: Es gibt keinen.

Hätte man damals schon absehen können, dass die Besetzungs-Seite auch über die Zeit der Rektoratsbesetzung hinaus eine Bedeutung haben würde, so hätte man schon damals gleich einen billigen Webhosting-Vertrag für weniger als 15 € im Jahr abschließen und etwas wie www.rektorat-bielefeld.de ins Netz stellen können. Da aber Schnelligkeit bei gleichzeitiger Kostenlosigkeit damals im Vordergrund stand, wollte man sich damals fürs erste mit einer billigen Subdomain auf dem hinreichend großen Webspace der “Kollima.de” begnügen.

In diesem Zusammenhang möchte der Verfasser dieser Erklärung zusätzlich darauf hinweisen, dass die Veröffentlichungen unter http://besetzung.kollima.de seit Meldung der Tübinger Rektoratsbesetzung nicht mehr unter seinem Einfluß geschehen sind.
Zwar hat er weiterhin die technische Kontrolle über diese Besetzungs-Seite, doch wird er von dieser nur noch im Fall der krassen Regel-Übertretung durch die anderen dort schreibenden Autoren Gebrauch machen.

Viel Spaß beim verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet Euch allen!


Der Augenblick (2)

Frau Sommer im OS
Der Augenblick (2): Frau Sommer im OS


Der Augenblick

Sommer am OS
Der Augenblick: Sommer am OS


Senat tritt den Willen der Studierendenschaft mit Füßen

Entscheidung pro Studiengebühren in ungeklärter Höhe gegen massiven Protest durchgedrückt

Über den Willen der Studierendenschaft hinweg, hat der Senat der Universität Bielefeld heute einen Beschluss zur Einführung von allgemeinen Studiengebühren in Form von Studienbeiträgen durchgewunken. Unter reger Beteiligung von etwa 3000 Studierenden wurde der relevante Tagesordnungspunkt im AudiMax diskutiert. Offensichtlich wurden die Stimmen von VertreterInnen der ProfessorInnenschaft und des akademischen Mittelbaus im Voraus mit Geldversprechen durch das Rektorat geködert. Andere, an der Entscheidungsfindung beteiligte Statusgruppen, darunter die studentische Senatoren, wurden im Vorfeld durch gezielte Desinformation unter eklatanter Missachtung des hochschulpolitischen Usus’ gegeneinander ausgespielt. Als Reaktion haben AStA und StuPa Rektor Dieter Timmermann einmütig zum Rücktritt aufgefordert. Mit beispielloser Arroganz ließ das Rektorat diese Forderung unter den Tisch fallen. „Die Abstimmung des Senats ist eine absolut scheindemokratische Farce und ein totales Armutszeugnis gegenüber den hochschulpolitichen Strukturen und dem erklärten Willen der Studierendenschaft.“, erklärt Ingo Bowitz, studentischer Senator. Auch VertreterInnen der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen stimmten gegen die Einführung der Gebühren. Die Reaktionen auf den Beschluss reichten von Ungläubigkeit über Empörung, bis hin zu blankem Entsetzen und überschäumender Wut. Der massive studentische Protest mündete in der Besetzung des Rektorats als spontanes, erstes Zeichen praktischen Widerstands gegen die getroffene Entscheidung. Zentrale Forderungen der BesetzerInnen sind der Rücktritt von Dieter Timmermann sowie die Aufhebung des Beschlusses.


Interview mit Hans Hermsen (vollständig)

Hier das Interview aus dem Heft in vollständiger Länge.

Interview geführt von Fabian Everding
Verschriftlichung: Alexander Heit

Was hältst Du für den wesentlichen Unterschied zwischen dem Notensystem am Oberstufenkolleg und an der Regelschule?
Der Unterschied ist, dass wir nicht so viele Noten vergeben, wie die Regelschule – jetzt geben wir aber immerhin 16 Noten, also sehr viel mehr gegenüber den wenigen Noten in der früheren Ausbildung am OS. Das ist aber nur ein formaler Unterschied. Ich glaube, dass der inhaltliche Unterschied der ist, dass wir bei unserer Notengebung offener sind für Diskussionen mit den Lernenden, die dann möglicherweise Einfluss nehmen können. Oft frage ich, ob der Lernende mit seiner Notenbewertung einverstanden ist, oder ob er meint, dass ich ihn unter- oder überbewertet habe. Auf diese Weise komme ich in einen Dialog und genau das ist das Entscheidende, dass wir in eine Beziehung treten können und darüber verhandeln.

Man kann aber nicht sagen, dass das alle Lehrenden so handhaben?
Darüber, wie es wirklich zurzeit abläuft, bekomme ich lediglich einen kleinen Einblick über Gerüchte oder durch meine zahlreichen Prüfungskolloquien und ab und zu mal von meinen Tutanden. Ich kann es im Moment ganz schwer einschätzen und hoffe einfach, dass diese dialogische Beziehung, wie wir sie im alten Modell gehabt haben, sich ins neue „hinüber rettet“. Ich gehe davon aus, dass die meisten Lehrenden bereit wären, über ihre Bewertung zu diskutieren, weil Noten meines Erachtens immer noch eine der ungerechtesten und problematischsten Dinge an Schulen sind.

Wenn wir hier vom Notensystem sprechen, dann meinen wir ja nicht nur die Noten, die als Voranmelde-Note ins Abi mit einfließen, sondern auch das, was am OS eigentlich meist mit “Punkten” bezeichnet wird. Die Bewertung also, die über das Bestehen eines Kurses entscheidet. Wenn Du die Pass / Fail Regelung als Teil unseres Notensystems siehst, welche Vorteile hat dann das Bewertungssystem am OS gegenüber dem der Regelschule?
Ich glaube und hoffe, dass die Noten am OS immer noch nicht so wichtig sind wie an der Regelschule, und dass sie von daher auch nicht so einen großen Einfluss auf das Verhalten der Lernenden haben. Allerdings erkenne ich mittlerweile schon eine Menge von Verhaltensweisen, die ich auch für die Regelschulen vermute, nämlich dass viele Leute am OS nur noch für gute Noten lernen, und für andere Sachen, wofür sie keine Noten bekommen, nur wenig machen, nur gerade mal das nötige Mindestmaß zum Bestehen. Viele Leute lernen nur noch, um schlechte Noten oder eine mangelnde Versetzung zu verhindern, oder auch um keine schlechte Rückmeldung von Lehrenden zu erhalten. Der Kampf um gute Noten führt dann letztenendes auch zu einer Konkurrenz unter KollegiatInnen. Das sehe ich alles mittlerweile. Es ist noch nicht so ausgeprägt wie an der Regelschule, doch ich glaube, dass die Tendenz dahin gehen wird. Je wichtiger bei uns die Noten werden, umso wichtiger wird es dann den Kollegiaten, gute Noten zu bekommen. Da ja auch der gesellschaftliche Einfluss um Numerus Claus und Stellen konkrrenzfördernd ist, unterstützt das Noten- und Punktesystem diese Tendenz. Dies verändert so ganz langsam die Persönlichkeit des einzelnen. Er hat weniger Interesse an der Unterstützung Schwächerer (potentieller Mitbewerber etc.) und sieht auch nicht ein, Rücksicht zu nehmen. Immerhin geht es ja auch um Zukunftschancen, Geld und Karriere. Deshalb ist eine dialogische Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden gut, in der wir sagen können, dass Noten oft sehr subjektiv sind, vor allem weil wir uns hier im Hause über Leistungskriterien bisher nicht geeinigt haben.

Es kann also passieren, daß ich in einem Fach nach härteren Kriterien bewertet werde, als in einem anderen Fach, weil die Lehrer sich nicht einig sind?
Das ist möglicherweise so, zumal wir keine wirklichen Kriterien entwickelt haben. Ich glaube, dass zurzeit jeder mit seinen eigenen Kriterien arbeitet, und vielleicht langsam so das Bewusstsein entsteht, dass man sich doch mal mit weiteren Kollegen verständigen sollte.
Und so hantiert jeder Kollege nach seinem eigenen Gutdünken, was ja das Problem bei der Notengebung ist. Wobei ich auch nicht denke, dass wir uns alle standardisieren müssen, ich finde, auch hier ist eine dialogische Beziehung unter den Lehrenden wichtig, weil ich auch Probleme mit der Standardisierung und Normierung habe. Ich finde eine Vielfalt an Kriterien notwendig, nur müssen sie auch offen ausgetragen werden. In einem solchen Moment gibt es einen Diskurs, an dem sich auch Lernende beteiligen können. Ich bemühe mich ja immer, meine Kriterien offen zu legen, aber ich habe auch das Gefühl, es kommt keine Diskussion mit den Lernenden zustande, außer, einer fühlt sich ungerecht behandelt – das, finde ich, ist aber kein guter Anlass.

Was würdest Du am Bewertungssystem verändern, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?
Zunächst würde ich eine Dekonstruierung dieser Notengebung entwickeln, und zwar sowohl unter den Lehrenden als auch mit den Lernenden. Ich habe schon beschrieben, wie ungerecht Noten für den Lernenden und wie schwierig Notengebungen für den Lehrenden sein können, wenn der Lernende nicht die Punktzahl erhält, für die er sich so bemüht hat, weil nach Ansicht des Lehrers, er dies und jenes noch mit eingebracht haben müsste, um die gewünschte Punktzahl zu erreichen.
Auch wenn es nicht mein Ziel ist, dass Kollegiaten sich ungerecht behandelt fühlen, bin ich nicht davor gefeit, in diesbezügliche Diskussionen zu geraten.
Man muss klarstellen, dass Notengebung so viele Dimensionen hat, die nicht bedacht werden, die man aber beachten muss, z.B. die verschiedenen Dimensionen, in denen Leistung erbracht werden, können. Für den einen kann es eine Routinetätigkeit sein, für den anderen aber eine unheimliche Problemlösefähigkeit. Letztendlich bekommt dann jeder die gleiche Note, obwohl ganz unterschiedliche Qualifikationen zugrunde liegen können. Und die müsste man aufzeigen können! Wenn ich etwas verändern würde, würde ich die Dinge, die wir im alten Modell entwickelt haben, mit einer ausführlichen Rückmeldung über die wirklichen Leistungen im kognitiven wie im emotionalen oder sozialen Bereich, mitzuwirken. Ich habe im alten Modell immer das Soziale, gerade in Gruppenarbeit, besonders hervorgehoben, und auch denjenigen eine gute Note gegeben, die leistungsmäßig nicht so gut waren, wenn ich gesehen habe, mit wie viel sozialer Energie diese Arbeit zustande gekommen ist. Weil es eben diese verschiedenen Dimensionen gibt!

Durch die Pass/Fail-Regelung ist es nicht möglich schlechte Leistungen in einem Kurs durch gute Leistungen in einem anderen Kurs auszugleichen. Statt dessen darf man in der Eingangsphase nur einen Kurs nicht bestehen, in der Hauptphase sind es dann zwei gefailte Kurse, die man sich erlauben darf. Ab dem dritten Fail-Kurs muß man dann erfolgreich eine Nachprüfung machen, oder man wird nicht zum Abitur zugelassen. Hast Du eine Idee, wie man diese Regelung entschärfen könnte, indem man z.B. Noten oder Punkte oder eine andere Möglichkeit des Ausgleichs einführt?
Erstmal finde ich die aktuelle Regelung ziemlich unsinnig, weil sie sogar schärfer ist als an den Regelschulen. Und ich finde, wir sollten mehr Möglichkeiten schaffen, die dafür sorgen, dass nicht so ein riesiger Druck auf einen Lernenden entsteht, z.B. dass Leute sich nicht mehr aufgrund des Drucks zur Schule schleppen, wenn sie sehr krank sind. Wir sollten eine Ausgleichsregelung schaffen, oder die aktuelle Regelung ganz abschaffen.

Denkst Du, es gibt in der aktuellen Situation mit der neuen Landesregierung überhaupt noch die Option, von Pass/Fail wegzukommen, ohne gleich auf Noten umzusteigen?
Es ist natürlich nahe liegend, das gewöhnliche Notensystem einfach zu übernehmen. Meine Intention wäre nach alternativen Leistungsbewertungen zu schauen, wobei ich mit dieser Landesregierung erhebliche Probleme sehe. Ich würde mich aber auch nicht selbst zensieren oder selbst entmächtigen, sondern weiterhin dafür plädieren, nach Alternativen zu schauen.

Ist das System des NeOS tendenziell näher am alten OS oder näher an der Regelschule?
Näher an der Regelschule!

Was war der Auslöser für den Wechsel vom alten OS zum NeOS?
Da sehe ich verschiedene Kräfte am Werk. Natürlich vor allem die Landesregierung, die das Modell nicht mehr tragen wollte, indem sie uns 20 Stellen genommen hat, was natürlich signalisiert, dass sie nicht mehr die Versuchsschule im alten Sinn haben wollte. Vielleicht hat sich die Landesregierung auch nicht getraut, uns ganz abzusägen, vielleicht machen sie das jetzt. Es sollen ja weitere Stellen gekürzt werden, was jedoch noch nicht feststeht.

Dass das System geändert wurde, ging also von der Landesregierung aus. Wer hat den Kompromiss für das jetzige System geschlossen?
Es gab eine Kommission, die von uns gewählt wurde und die dann die Verhandlungen geführt hat.

Waren da auch Kollegiaten mit dabei?
Es waren Lehrende und Kollegiaten. Und die haben dann vieles ausgehandelt, haben vieles „schlucken müssen“. Manches haben sie versucht durchzusetzen, deswegen gibt es auch so eine Zwitterstellung, weil einiges gerettet wurde, anderes nicht. Gerettet sind die zwei Studienfächer, auf die man sich spezialisieren kann, was an der Regelschule nicht so ist. Aber es musste „geschluckt“ werden, dass Deutsch, Englisch und Mathematik zu Pflichtfächern wurden.

War das früher anders?
Man musste diese Fächer nicht als Fach studieren, sondern im Rahmen des fächerübergreifenden Unterrichts Kurse zu diesen Themen wählen und dafür einen Mathedispens im Abitur bekommen. Es gab zwar auch obligatorische Mathekurse, aber diese waren von einer anderen Natur und Qualität als heute, es gab nicht diesen unheimlichen Druck, wie es heute der Fall ist.

Das heißt, damals haben mehr Leute die Mathekurse bestanden?
Ja, eindeutig. Und viele die damals am alten OS waren, sagen heute würden sie das OS nicht mehr schaffen.

Besteht eigentlich die Möglichkeit nach der 11. am OS noch an eine Regelschule zu wechseln?
Da bin ich überfragt. Umgekehrt geht es, aber ob es so herum geht, weiß ich nicht.

Wer hatte sich das alte Notensystem ausgedacht? Hartmut von Hentig?
Ich habe in Erinnerung, kann mich aber auch irren, dass Hartmut von Hentig gar nicht unbedingt für das Pass/Fail-System war. Es hat 1974 eine ganz knappe Abstimmung gegeben, mit dem Ergebnis, dass wir erstmal keine Noten eingeführt haben. Es war eine Entscheidung der Aufbaukommission bzw. der Lehrenden, die am Anfang den ersten Jahrgang mit aufgenommen haben, und die dafür plädierten, Noten abzuschaffen. Ich habe noch in Erinnerung, dass es eine Kampfabstimmung war.

Die Kollis in der Kommission, waren das Leute vom KRat?
Teilweise, es waren sowohl welche vom KRat als auch welche, die von der Vollversammlung dafür ausgewählt wurden.

Wieviele Kollis waren das?
Zwei bis vier. An einen erinnere ich mich noch, weil ich nämlich ein wenig über ihn verärgert war. Er hat zu schnell nachgegeben, von einem Kollegiaten hätte ich mir gewünscht, daß er mehr dagegen argumentiert, und sich nicht von den Lehrenden suggerieren läßt, es sei nichts zu machen. Da bin ich eher anders, ich kann nicht so schnell nachgeben, lieber lasse ich mich überstimmen, anstatt dann zu sagen: „Na ja, man kann ja sowieso nichts machen.“ Wenn ich eine Position habe, versuche ich sie auch zu formulieren.

Zur Relation: Wie viele Lehrer waren in der Kommission?
Aus der Leitung waren zwei, und dann waren noch 2 gewählt worden. Ich glaube, diese Kommission bestand aus sechs bis acht Leuten.

Gibt es noch andere wichtige Punkte zum Thema Notengebung?
Ich denke, dass man bei der Notengebung einfach noch mal an die Wurzel rangehen muss. Ein Psychologe (Ingenkamp) hat in den 70er Jahren nachgewiesen, dass die Noten in den Schulen eine Spannbreite von 1-5 für die gleiche Leistung haben können. Von daher ist das eine sehr schwammige Bewertung. Zur Notengebung eine Diskussion zu entwickeln, fände ich wichtig, weil ich glaube, dass viele Kollegiaten darüber hinweghuschen. Manche Kollegiaten wünschen sich auch Noten. Die scheinen irgendwie ein Ausdruck für eine Rückmeldung zu sein. Und das würde ich gerne dekonstruieren, denn das ist ein Mythos. Man hat nur eine bestimmte Vorstellung über die Rückmeldung, man hat überhaupt keine Rückmeldung darüber, wo man jetzt gerade mit seinen Sinnesfähigkeiten ist, oder was bei einem an Fähigkeiten dominant ist, ob das mehr sprachlich oder mehr soziales Engagement usw. ist. Dass man das alles noch mal bedenkt, dann wird man nämlich sehen wie relativ eine Einschätzung der Noten ist, das würde das ganze noch mal bewusster machen. So wie momentan, kommt es mir sehr starr vor.

Vielen Dank für das Interview.


Interview mit Helmut Stiefenhöfer (vollständig)

Hier das Interview aus dem Heft in vollständiger Länge.

Interview geführt von Fabian Everding und Maren Oldenburg
Verschriftlichung: Maren Göpfert

Was ist der wesentliche Unterschied zwischen dem Notensystem am Oberstufen-Kolleg und an der Regelschule?
Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass an der Regelschule alle im Laufe eines Kurse erbrachten Leistungen, sowohl die mündlichen, als auch die schriftlichen, wie Hausaufgaben und Klausuren, Grundlage der Note sind, die am Ende für den Kurs gegeben wird.
Am Oberstufen-Kolleg wird hingegen in der Hauptphase nicht der gesamte Kurs benotet, sondern ein von den KollegiatInnen im begrenzten Rahmen auszuwählender Leistungsnachweis, dessen Note dann in die Vornoten für das Abitur eingeht.

Besteht die Möglichkeit mehrere Leistungsnachweise anzufertigen und sich am Ende des Kurses für einen zu entscheiden oder muss man sich zu Anfang verbindlich auf einen Leistungsnachweis festlegen, unabhängig von der letztendlichen Note?
Man muss sich im Kurs für einen bestimmten Leistungsnachweis entscheiden und darauf achten, dass man eine gewisse Bandbreite an Leistungsnachweisformen, die in der AUPO festgelegt ist, im Laufe der Hauptphase abgedeckt hat. Wenn man sich aber im Kurs einmal festgelegt hat, ist diese Festlegung verbindlich.

Sehen Sie konkrete Vorteile im Benotungssystem des Oberstufen-Kollegs im Vergleich zu dem der Regelschulen?
Ich sehe keine konkreten Vorteile. Als Argument für diese Abweichungen von der Vorgehensweise der Regelschule wurde genannt, dass der Notendruck gesenkt bzw. die Noten im Kursverlauf eine geringere Rolle spielen würden. Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil – ich sehe das ganze Gewicht auf eben diesen benoteten Leistungsnachweisen liegen und damit einen erhöhten Notendruck.

Dass heißt also Sie würden vorschlagen, das Notensystem der Regelschule zu übernehmen oder was würden Sie konkret verändern wollen?
Ich halte das Bewertungssystem der Regelschule für deutlich besser, weil es gerechter ist. Daher würde ich stark dafür plädieren, es zu übernehmen.

Finden Sie nicht, dass, wenn der Lehrer jede Einzelleistung der KollegiatInnen im Unterricht notieren und bewerten müsste, die Gefahr besteht, dass das Kursklima darunter leidet und die KollegiatInnen sich nur melden, wenn sie sich ihrer Antwort sicher sind?
Die Gefahr sehe ich als eher gering an. Sie würde vielleicht bestehen, wenn der Lehrer vorne mit seinem Notebüchlein steht, wie es früher häufig der Fall war, und die Äußerungen der KollegiatInnen sofort bewertet.
Die Praxis in meinen Kursen sieht so aus, dass ich mir am Ende des jeweiligen Kurses überlege, wie die Beteiligung der Einzelnen war und mir eine kurze Beurteilung notiere, ohne sie in ganz genauen Punktwerten festzuhalten.

Die momentane Bewertungs- und Notenregelung besteht ja erst seit dem neuen OS. Wie kam es dazu und ist das jetzige System Ihrer Meinung nach näher an dem der Regelschule oder näher an dem des alten OS?
Zur ersten Frage: Es gab die Überlegung, dass, wenn nur ein Teilaspekt der Kursleistung benotet wird, der Notendruck in anderen Teilen der im Kurs zu erbringenden Leistungen schwindet. Auf den ersten Blick scheint dies plausibel zu sein, aber wenn man sich überlegt, welche Bedeutung dann dem einzelnen Leistungsnachweis zukommt, halte ich dies nicht für einen wünschenswerten Effekt.
Mit dem alten OS lässt sich die neue Regelung auch nicht besser vergleichen als mit den Regelungen der Regelschulen. Im alten Os gab es in den Kursen lediglich eine Bewertung in den Kategorien “Pass” and “Fail” und erst bei den Prüfungsteilen wurden Noten gegeben. Insofern ist sowohl die Praxis des NeOS als auch dieder Regelschulen ganz weit vom alten OS entfernt.

War es am alten OS also so, dass man lediglich am Ende die Abschlussprüfungen geschrieben hat?
Nein. Am alten OS gab es keine Noten, die Entscheidung, die zu treffen war: Ist der Kurs bestanden oder ist der Kurs nicht bestanden? Welche Leistungsnachweise Grundlage für das Bestehen des Kurses waren, unterschied sich nach den Unterrichtsarten – im Ergänzungsunterricht, der heute in etwa den Grundkursen entspricht, waren es drei Leistungsnachweise und im Wahlfach- bzw. Studienfachunterricht waren es vier. Welche vier das waren, konnte in gewissen Grenzen festgelegt werden, einen stellte immer die Klausur dar.

Besteht für KollegiatInnen, die nach der Eingangsphase das Oberstufen-Kolleg verlassen, die Möglichkeit ihre Ausbildung an einer Regelschule fortzusetzen? Wenn nein, warum nicht?
Liegt es an der speziellen Notengebung oder ist es in der Unterschiedlichkeit des Oberstufen-Kollegs zu anderen Oberstufen begründet?
Ich muss gestehen, dass ich das nicht weiß. Wenn ein/e KollegiatIn nach der Elf in die Oberstufe einer Regelschule wechseln möchte, müssten wahrscheinlich Noten ausgewiesen werden für die Elf. Ich denke nicht, dass es einem/r KollegiatIn verwehrt werden kann in eine andere Oberstufe zu wechseln, wenn er oder sie die allgemeinen Voraussetzungen dazu erfüllt.

Obwohl die Bewerber zum Teil ohne Q-Vermerk am OS aufgenommen werden, also unter Voraussetzungen, mit denen man an der Regelschule nicht aufgenommen werden würde? Könnte man also am OS die Elf ableisten und dann an die Regelschule zurückkehren?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das geht. Das wäre ja ein Umweg über das Oberstufen-Kolleg in die Regelschuloberstufe.

Sie haben ja doch recht konkrete Vorstellungen davon, wie sich das OS Bewertungssystem in Richtung der Regelschule verändern soll. Was steht dieser Änderung im Weg?
Meine Wahrnehmung ist, dass das Kollegium in dieser Frage gespalten ist , wobei ich mir unsicher bin, wie die Mehrheitsverhältnisse tatsächlich aussehen. Ich höre sehr viel Unmut bei Kolleginnen und Kollegen über diese neue Regelung, aber wie groß die Bereitschaft tatsächlich ist, in einer Abstimmung eine Änderung herbeizuführen, kann ich schlecht einschätzen.

Ist das Notensystem des alten OS noch auf Hartmut von Hentig zurückzuführen oder wer hat sich das damals einfallen lassen?
In den ganzen frühen Anfängen waren es sicherlich die Überlegungen von Harmut von Hentig, die wesentlich aus dem amerikanischen College-System stammen, die unsere Bewertungspraxis bestimmten. Es galtendie Prinzipien einer kumulativen Prüfung,, das heißt, man absolviert bestimmte Veranstaltungen oder Ausbildungsanteile, die als bestanden oder nicht bestanden bewertet werden. Wenn sie denn bestanden sind, fließen sie als Teilelemente in den Abschluss ein.
Mit der Anpassung des alten OS an das deutsche schulische Bewertungssystem wurde zunächst für die Abschlussprüfungen eine Notengebung in einer Skala von 1 bis 6 festgelegt.

Und wer hat das NeOS Bewertungssystem entwickelt? Das Schulministerium?
Das Notensystem des NeOS wurde von der Verhandlungsgruppe des Oberstufen-Kollegs entwickelt, die mit dem Ministerium die neue Ausbildungs- und Prüfungsordnung für das Oberstufen-Kolleg aushandelt hat.

Es gab also einen Vorschlag von Seiten des Kollegiums?
Genau. Phasenweise waren auch KollegiatInnen beteiligt, aber in der Mehrheit war es eine Lehrenden-Gruppe, die als Delegation diese Ausbildungs- und Prüfungsordnung verhandelt hat und versucht hat diesen Aspekt, diese besondere Art der Bewertung, durchzusetzen.

Können Sie uns Beispiele nennen, in denen jemand durch die von Ihnen kritisierten Regelungen das Jahr wiederholen oder das Oberstufen-Kolleg verlassen musste, und wo Sie der Meinung sind, dass dies mit dem Regelschulsystem nicht passiert wäre?
Es wäre sicherlich eine Extremkonsequenz, dass jemand aus diesem Grunde das OS verlassen muss. Für viel gravierender halte ich das Problem, das mir in meinen Kursen schon häufig begegnet ist, dass jemand bei einem benoteten Leistungsnachweis, aus Nervosität oder welchen Gründen auch immer, schwächere Leistungen gezeigt hat als im Gesamtkurs. Die schlechtere Leistung bildet dann aber, systembedingt die Grundlage für die Benotung und beeinflusst damit natürlich den Abiturschnitt negativ.

Es ist ja so, dass in der Hauptphase in jedem Semester ein Leistungsnachweis in den jeweiligen Studienfächern erbracht werden muss und anschließend benotet wird.
Teilweise muss dies auch in den Grundkursen geschehen.
Die benoteten Leistungsnachweise sind Bestandteil der Vornote, die wiederum Bestandteil der Gesamtabiturnote sind.

Zählt lediglich dieser eine benotete Leistungsnachweis oder besteht die Möglichkeit andere im Kurs erbrachte Mitarbeit in die Bewertung mit einzubeziehen?
Nein, wie bereits gesagt, diese Möglichkeit besteht nicht. Es ist vom Konzept ausdrücklich ausgeschlossen.

Ob ich mich im Kursverlauf am Unterricht beteilige oder nicht, macht also im Endeffekt keinen Unterschied?
Prinzipiell stimmt das. Ein Beispiel: Wenn der gewählte zu benotende Leistungsnachweis ein Referat oder eine Präsentation ist, geschieht dies relativ früh im Kursverlauf. Wenn der Kollegiat oder die Kollegiatin für diesen Leistungsnachweis eine gute Bewertung erhält, kann die Note in die Grundlage der Abiturbenotung einfließen, ohne dass eine weitere regelmäßige mdl. Beteiligung mit Ausnahme der Anwesenheitspflicht und der Teilnahme an der Klausur unbedingt erforderlich ist.
Jemand der seiner Einschätzung nach jedoch eine gemessen an seinem Potential schwache Leistung erbracht hat, kann sich die restliche Zeit des Kurses noch so sehr anstrengen, diese Note zu verbessern, es ist vergeblich.

Früher bestand die Möglichkeit für KollegiatInnen Kurse an der Uni zu belegen und Scheine abzuleisten. Gibt es eine solche Möglichkeit heute überhaupt noch in irgendwelchen Fächern?
Kaum. Diese Möglichkeit wird noch eingeschränkt in den Studienfächern Geschichte und Soziologie (?) angeboten
Was die Frage der Scheine betrifft, bin ich mir nicht sicher. So weit ich weiß, ist es nicht mehr möglich, die Scheine für ein späteres Studium anrechnen zu lassen.

Eine Veränderung, die mit dem Übergang zum NeOS einher ging?
Die gravierendste Veränderung: Früher gab es ja in vielen Fächern die Anerkennung für im Oberstufen-Kolleg erbrachte Leistungen für das Grundstudium. Bei uns in Englisch z.B. wurden drei, teilweise auch vier Semester anerkannt.

Wovon war das abhängig?
Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Anfänglich waren es vier, dann drei, was mit der Änderung der Zwischenprüfungsregelungen an der Universität im Fach Englisch zusammen hing.

Konnte man sich seine Scheine anschließend nur an der Uni-Bielefeld anrechnen lassen, oder ging das in ganz NRW oder sogar in ganz Deutschland?
Es war gesetzlich geregelt, dass zwischen den Universitäten Nordrhein-Westfalens so genannte Übergangs- oder Wechselvereinbarungen geschlossen werden konnten. Darüber hinaus existierten einzelne bundesweite Übergangsvereinbarungen z.B. mit der Universität Bremen oder Berlin, die abweichend von der Bielefelder Regelung bestimmte Leistungen anerkannten und andere wiederum nicht. Das war von Fach zu Fach verschieden und vor allem von der Eigeninitiative der KollegiatInnen abhängig. Meist konnte allerdings verhandelt werden.

Zur letzten Frage: Wie sah die Möglichkeit sich einen Schein anrechnen zu lassen damals genau aus? Wurden bestimmte fächerbezogene Seminare der Universität parallel zum Schulunterricht besucht?
Der Besuch von Universitätsveranstaltungen war auch im alten OS die Ausnahme. Es gab im Fach Geschichte die in das OS Curriculum eingebundene Möglichkeit Universitätsveranstaltungen, die als OS Veranstaltungen anerkannt wurden, zu besuchen.
Das waren spezielle Veranstaltungen, die, in den späteren Phasen des alten OS, auch nur von denen besucht werden mussten, die anschließend tatsächlich Geschichte in den höheren Semestern weiterstudieren wollten.

Vielen Dank für das Interview!